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MMag.Eugenia Radoslava: www.eugenia-radoslava.com.

Sobald ich zu spielen beginne, empfinde ich es als einen Teil von mir – als meine Sprache, mit der ich versuche, jeden zu erreichen, der mir zuhört. Wenn meine Hände die Tasten berühren, betrete ich mein persönliches Theater der Seele und beginne ein Monodrama zu spielen, in dem ich mich in verschiedene Rollen verwandeln muss. Ich strebe danach, das „schlafende Werk“ zu wecken und es so authentisch wie möglich darzustellen, indem ich es durch meine eigene Interpretation widerspiegele.
Für mich stand nie außer Frage, dass ich Pianistin werden wollte. Ich begann, im Alter von sechs Jahren, meine Ausbildung an der Musikschule in Sofia bei Prof. Milena Kurteva, die ich anschließend an der Nationalen Musikakademie in der Klasse von Prof. Anton Dikov fortsetzte. Mein Wunsch, mich weiterzuentwickeln, führte mich nach Wien – eine Stadt, mit der mich nicht nur die Musik, sondern auch meine Familiengeschichte verbindet. An dieser Stelle möchte ich kurz darauf eingehen:
Mein Großvater, Eugen Mayrovitch, war Österreicher, wurde aber in Varna geboren, da sein Großvater mütterlicherseits, der Bauingenieur Mario Jona, neben anderen Projekten wie dem Bau des Suez- und des Panamakanals auch am Bau der Häfen von Burgas und Varna beteiligt war. Eugen spielte auch Klavier, und als er nach Berlin ging, um Mineralogie zu studieren, wirkte er bei der Klaviervertonung von Stummfilmvorführungen mit. In Berlin lernte er meine Großmutter kennen, die dort Germanistik studierte, und nach Abschluss ihres Studiums beschlossen die beiden, nach Bulgarien zurückzukehren. Mein Großvater wurde zum Begründer des Bergbaus im Land und Mitglied der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Er besaß eine der reichhaltigsten privaten Mineraliensammlungen. Auch mein Vater, Ing. Dimitar Radoslavov, hat einen Beitrag für Bulgarien geleistet - er hat eine Reihe von Staudämmen in Bulgarien entworfen und gebaut. Mitglieder seiner Familie waren, vor dem Zweiten Weltkrieg, an der Regierung des Landes beteiligt.
An der Universität für Musik in Wien (MDW), wo ich mein Studium fortsetzte, hatte ich die außergewöhnliche Gelegenheit, in der Klasse von Prof. Noel Flores, der indischer Herkunft war, zu studieren und seine Sichtweise auf die Musik kennenzulernen. In dem von ihm entwickelten System zur freien Beherrschung der Klaviertechnik wendet er Prinzipien an, die aus der jahrtausendealten Kultur Indiens stammen und nicht nur auf die Perfektionierung der technischen Fähigkeiten abzielen, sondern auf das Erreichen völliger Freiheit und Natürlichkeit der Bewegung. Im Mittelpunkt steht dabei die Erkenntnis, dass der Pianist eine organische Verbindung zwischen Körper, Bewegung und Klang finden soll. Indem ich dieses System sowohl beim eigenen Spielen als auch beim Unterrichten anwende, habe ich es weiterentwickelt und verfeinere und bereichere es ständig. Ich schaffe in meinem Bewusstsein verschiedene Bilder und Handlungen, die anschließend meine Bewegungen lenken.
Ich versuche, vor allem in meinen Gedanken, eine vielschichtige Vorstellung aufzubauen, wie jeder einzelne Ton klingen soll, der zusammen mit allen anderen, Stein für Stein die gesamte „Kathedrale“ aufbaut. Pianisten sind Architekten, die ähnlich wie ihre „Kollegen“ ein Werk konzipieren, der jedoch jedes Mal ein wenig anders aussieht, weil es nicht an einem Ort steht, sondern sich wellenförmig durch die Zeit entfaltet. Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Interpreten ist es, zuversichtlich zu sein, dass sie das, was sie dem Publikum vermitteln wollen, wirklich beherrschen, denn nur so können sie es überzeugend wiedergeben.
Wertvolle Impulse für meine weitere Entwicklung erhielt ich auch während meines Studiums der Kammermusik und Pädagogik bei Prof. Avedis Kouyoumdjian und Prof. Julika Behar sowie durch die zahlreichen Meisterkurse, an denen ich teilgenommen habe.

(Foto Ivan Radman, in der Philharmonie in Luxemburg)
Als Mitglied der internationalen Organisation „Art and Education in the XXI Century“, die von Prof. Dr. Eleonora Tkach von der „Staatlichen Musikakademie P. I. Tschaikowski“ in Kiew gegründet wurde, hatte ich die Gelegenheit, mit namhaften Musikern und Vertretern verschiedener internationaler Schulen in Kontakt zu treten, was meine berufliche und persönliche Entwicklung außerordentlich bereichert hat. Hauptziel der Organisation ist der Erfahrungsaustausch zwischen Lehrenden und Lernenden sowie jungen Musikern die Möglichkeit zu geben die Kultur verschiedener Länder kennenzulernen. Zu diesem Ziel organisieren wir Foren, die Konzerte, Wettbewerbe, Konferenzen und Meisterkurse in einer Reihe europäischer Länder, in China und Indien stattfinden. Als Vertreterin Österreichs nehme ich aktiv daran teil – als Jurymitglied, Interpretin, Dozentin und Kuratorin.
Unter den Wettbewerben, bei denen ich als Jurymitglied wirke, möchte ich den inklusiven Wettbewerb „Viva Piano“ erwähnen, der von Prof. Dr. Daniela Dikova gegründet wurde. Sein Ziel ist es, Musikliebhabern aller Altersgruppen eine Bühne zu bieten und sie zu unterstützen, wobei jährlich Hunderte von Teilnehmern aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Veranstaltungen wie „Viva Piano“ tragen zur ganzheitlichen Entwicklung, Verbreitung und Demokratisierung der Kunst bei. Für uns alle, die wir im Saal sitzen und zuhören, wie ein blindes Mädchen makellos virtuose Werke vorträgt oder ein Junge mit völlig beeinträchtigtem Gehör, der die Schwingungen der Töne nur über ein Hörgerät wahrnimmt, es dennoch schafft, ein Stück zu spielen, nimmt dieser Wettbewerb einen ganz besonderen Platz ein. Manchmal hören wir Darbietungen, die großen Konzertsälen würdig sind, ein anderes Mal erleben wir eigenwillige, aber zugleich sehr originelle und überzeugende Interpretationen von Werken, die sich völlig von ihrem allgemein üblichen Vortrag unterscheiden. Dann stellen wir uns die Frage: „Warum nicht auch so?“
Neben meinen anderen vielfältigen Aktivitäten engagiere ich mich auch aktiv für wohltätige Zwecke, denn die Unterstützung von Bedürftigen hat für mich einen hohen Stellenwert. Als Kurator und Interpret nehme ich an Benefizkonzerten teil, wie beispielsweise an dem im „Haus Wittgenstein“ im Jahr 2004 zugunsten des „Heims für Kinder und Waisen“ in Blagoevgrad. Ich bin stellvertretender Vorsitzender der Organisation „Wir sind Musik“, die ehrenamtlich tätig ist, Vereine wie „Superar“ unterstützt und große Musikprojekte wie Musicals und Operetten realisiert, die sich beim Publikum und in den Medien großer Beliebtheit erfreuen.

Es ist für mich eine große Freude und ein Privileg, dass ich die Möglichkeit habe, in verschiedenen Ländern Konzerte zu geben. Die Begegnungen mit dem Publikum und dessen Kultur bereichern mich und bringen mir neue Inspiration. In den vergangenen Monaten gab ich Konzerte in Malta, Luxemburg und Österreich und nahm mit meinen Schülern an den Wettbewerben „Viva Piano“ und „Prima la Musica“ teil. Für die aktuelle Saison sind Tourneen nach Luxemburg, Österreich, Island, Italien, Bulgarien, Mexiko, San Salvador und Costa Rica mit verschiedenen Kammermusikensembles geplant. Außerdem arbeite ich an unserem neuen Projekt – der Inszenierung von „The Sound of Music“, die im Oktober in Klosterneuburg stattfinden wird. Außerdem bereite ich gemeinsam mit meinen Kollegen vom Ensmble „Sapiace“ – Álvaro Collao León, einem der herausragendsten europäischen Saxofonisten, und dem bedeutenden Cellisten Matthias Gredler, langjähriges Mitglied des weltberühmten „Wiener Klaviertrios“ – eine neue CD vor.
Zu den wertvollen Begegnungen, die mir meine intensive Konzerttätigkeit beschert hat, gehören jene mit zeitgenössischen Komponisten. Ich möchte einige Gedanken und Eindrücke aus meiner langjährigen Zusammenarbeit mit einigen von ihnen teilen. Meiner Meinung nach sollte zeitgenössische Musik ein fester Bestandteil des Repertoires heutiger Musiker sein. Sie spiegelt nicht nur die Tendenzen der musikalischen, sondern auch der sozialen und politischen Entwicklung der Gesellschaft wider, greift aktuelle Themen auf und bezieht andere Kunstformen mit ein, um die Ausdruckskraft zu verstärken.
Die Komponisten nutzen elektronische und visuelle Effekte sowie vielfältige Techniken, um experimentelle Werke in unkonventionellen Formen zu schaffen; sie suchen nach neuen Klängen der Instrumente und nutzen dabei deren inneren und äußeren Korpus. Es werden zusätzliche Effekte durch Gegenstände eingeführt, die Töne erzeugen, wie zum Beispiel der E-Bow – ein elektronischer Adapter, der an den Saiten des Flügels angebracht wird und diese durch Magnetwellen zum Schwingen bringt – oder eine tibetische Klangschale, deren Klang, vermischt mit dem der Instrumente, dem Werk einen mystischen Charakter verleiht.
Ein weiteres interessantes Beispiel ist die Verwendung der Bogenhaare eines Streichinstruments, mit denen die Saiten des Flügels gezupft werden, um sie auf ungewöhnliche Weise erklingen zu lassen, oder die Verwendung multiphoner Klangstrukturen. Die oben genannten Techniken werden beispielsweise von den Komponisten Albena Petrovic Vratchanska, Michael Gredler, Rainer Bischof und Álvaro Collao León in ihren Werken verwendet, die unserem Ensemble „Sapiace“ gewidmet sind. Für mich ist es interessant und herausfordernd, zeitgenössische Werke aufzuführen, da ich es liebe, zu experimentieren und unterschiedliche Bilder und Stimmungen darzustellen. Ich habe an Aufnahmen für eine Reihe von CDs mitgewirkt, darunter auch solche mit zeitgenössischer Musik wie „Ways“ und „Golden Lights“, gemeinsam mit der luxemburgischen Flötistin Maria Miteva, die Werke luxemburgischer und bulgarischer Komponisten enthalten. Eine weitere ähnliche Produktion ist die CD „Sanctuary“ mit Vokalwerken von Albena Petrovic Vratchanska und unter Mitwirkung der deutschen Sängerin Anna Bineta Diouf.
Unter meinen übrigen Alben möchte ich „Fantastia“ erwähnen, welches unter anderem, Uraufführungen französischer Werke für Saxofon und Klavier enthält, sowie die Alben aus der Reihe „Piano, Piano“, die zu den zehn meistverkauften Alben in Deutschland im Jahr 2009 zählen.

(Foto Andrey Fomenko - mit Michael Krenn in Stavropol, Russland)
Abschließend möchte ich noch ein paar Gedanken zur Musik teilen. Für mich ist sie etwas, ohne das ich mir meinen Alltag kaum vorstellen könnte. Sie bringt mich dazu, mich ständig weiterzuentwickeln, nach Neuem zu suchen und vor allem ich selbst zu sein. Als Pianistin glaube ich, dass es am wichtigsten ist, neugierig und aufrichtig gegenüber dem zu bleiben, was man tut. Ich möchte weiterhin nach neuen Wegen suchen, meine Gefühle auszudrücken, meine eigene Stimme zu finden und sie mit den Menschen zu teilen. Das ist auch der Sinn der Musik – Verbindungen zu schaffen und etwas hinter sich zu lassen.
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihr Interesse an mir und für die Gelegenheit, mich den Lesern vorstellen zu dürfen.
Das Interview wurde geführt von Svetlana Zheleva und Dessislaw Pajakoff
Maria Prinz wurde in Bulgarien in einer Musiker Familie geboren.
