Fritz H. Dinkelmann: Alles Ideologische ist mir fremd

Fritz H. Dinkelmann , Jahrgang 1950, ist ein Schweizer Journalist und Schriftsteller.

Er ist Verfasser von Reportagen, Romanen, Theaterstücken, Gedichten und Hörspielen. 1985 und 1987 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil.

Er war Bundesgerichtskorrespondent der Schweizerischen Depeschenagentur und ab 1998 Deutschlandkorrespondent mehrerer Schweizer Zeitungen und von Schweizer Radio DRS.

2001 wurde er mit dem Medienpreis idée suisse der SRG ausgezeichnet. Dinkelmann ist Mitbegründer der Solothurner Literaturtage und lebt in Berlin und Solothurn.

Herr Dinkelmann, welche Themen interessieren Sie als Schriftsteller, Dramaturg und Regisseur. Sind es mehr die klassischen Themen oder mehr die aktuellen Entwicklungen, die Verwandlung der Welt die gerade stattfindet? Wie reagieren Sie wenn man von Ihnen verlangt Themen wie Migration, Integration und die innere Emigration verstärkt zu behandeln?

- Als Schriftsteller bewegen mich, nun schon etwas älter, die gleichen Themen und Stoffe, die mich schon in meinen Anfängen dazu verführten, zu schreiben. Eine unbeschriebene Welt erfriert. Sie erstarrt im unbedacht Überlieferten. Im gemachten Nest wollte ich nie sitzen, schweigend zum Hier und Jetzt, das ich, früher so wie jetzt, unerträglich spannend fand. Ich war immer ein Leser, und was auch immer ich gelesen hatte trieb mich an, herauszufinden, was ich vielleicht zu sagen habe, was Leser findet. Ohne Sprache, ohne Bücher, wäre ich nie ein Autor geworden, kein Schriftsteller, kein Regisseur, kein Mensch. Ich hätte die Pubertät nicht überlebt ohne Karl May.

Ohne die Schriftstellerin Francoise Sagan, in die ich mich verliebte, weil ich ohne ihren Roman „Bonjour tristesse" niemals den Mut gehabt hätte, mich in eine Frau zu verlieben, so wie ich war, schüchtern und sexuell erwacht. Gleichzeitig verschlang ich die traurig erotischen und versoffenen Kurzgeschichten und Gedichte von Charles Bukowski und nagelte den Satz „Moral ist Gehirnschwäche" von Arthur Rimbaud an die Wand meines Mansardenzimmers, in dem ich meine Sprache fand. Mich wieder fand in den Existenzen von Jean-Paul Sartre und dem apodiktischen Nein zum Tod von Elias Canetti, dem grössten Trotzkopf, dem ich begegnet bin.

Obwohl der Trotz, der Widerstand und Widerspruch zu all meinen Verwandten gehört, meinen russischen Freunden im Geiste: Tschechow, Gogol, Dostojewski, oder den gnadenlos schreibenden amerikanischen Autoren Norman Mailer, Truman Capote und John Updike. Und, das Leben ist Mord und Totschlag - ohne Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Georges Simenon hätte ich nie einen Kriminalroman geschrieben. Und schon immer war ich ein Sprachfreak, sprachversessen wie Peter Handke, meinem literarischen Freund, der seiner Sprache alles abgetrotzt hat, bis zum Nobelpreis. Ich habe ihn Wort für Wort und Satz gelesen und verstanden, dass es als Schriftsteller ein Verbrechen ist, lieblos mit Sprache umzugehen, sorglos und unbedacht etwas zu sagen, was ganz furchtbare Wirkungen haben kann, oder schlimmer noch: die Schönheit der Welt beflecken kann.

Der Umgang mit Sprache zeigt, in welcher Welt wir leben. In der hysterischen Schreiwelt unserer Zeit, in der mit Schlagwörtern alles Lebendige erschlagen wird, alles Einmalige lächerlich gemacht und aussortiert wird, eine Normalität beschworen wird, in der kleinste Abweichungen vom Mainstream schon als menschliche Auswüchse gebrandmarkt werden. Als ob mit dem Höhepunkt nun einer sogenannten künstlichen Intelligenz, die bekanntlich von extrem reichen, irdischen Machthabern gefüttert wird mit dem Anspruch, dass sich das Leben bitte schön zu rentieren hat, und endlos zu leben ist, sollte man sich das leisten können.

Ein Vorbild aber hatte ich nie. Was ich gelesen habe, war einmalig, so einmalig wie ich es war, oder besser gesagt: wie ich sein wollte. Mein literarisches Ich war so einmalig wie alle Wegbegleiter, an die ich bis heute mit Liebe denke: an die Einsamen, Verzweifelten, Mutigen, an die Wahrhaftigen in der Kunst: in der Kunst der Schreibkunst, und der Kunst des Lebens. Apropos Leben: es ist mir immer wieder beim Schreiben dazwischen gekommen, obwohl ich immer noch allein dafür leben möchte: für das Leben in der Sprache, mit dem, was alles noch zu sagen wäre, bis zum Unsagbaren.

Welche Themen interessieren Sie am meisten als Journalist?
Als Journalist habe ich die gleichen Anforderungen an mich wie als Schriftsteller. Ich fühle mich der Wirklichkeit verpflichtet, dem Leben in seiner Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Einmaligkeit des Erlebten. Alles Ideologische ist mir fremd. Ich will wissen, was ist, wie es dazu gekommen ist und warum es so ist, wie es ist. Immer noch bin ich neugierig, obwohl es immer häufiger passiert, dass ich denke: besser wäre es gewesen, wenn ich das, was passiert, nie hätte erleben und bearbeiten müssen. Konkret: wir leben in einer moraltriefenden, heuchlerischen Welt. Immer mehr Gebote und Verbote suggerieren einen zivilisatorischen Fortschritt, den es nicht gibt. Im Gegenteil.

In Wirklichkeit schaffen wir unter dem Deckmantel des Respekts genau das ab, was wir propagieren: die Toleranz. Das Andere aber wird kriminalisiert, stigmatisiert, lächerlich gemacht und im Zweifel verboten. Ich wurde politisch sozialisiert in einer Schweiz im kalten Krieg. Die Guten waren im Westen und böse war die Sowjetunion. Und heute applaudieren die Guten im Westen einer guten Ukraine im Kampf gegen die bösen Russen? Diesen Spagat mache ich nicht. Ich habe empfindliche Leisten. Und ein gutes Gedächtnis. Wenn die offizielle Schweiz mir jetzt also einreden will, dass es gute und böse Russen gibt, und die guten verteidigen die freie Schweiz und freie Welt vor Moskau, dann ist das für mich anstössig.

Die Stimme der Schweiz ist für mich Max Frisch, Niklaus Meienberg, Peter Bichsel, also jene Schweiz, die keine Propaganda machen wollte für ihr Land, sondern die Schweiz so beschrieben haben, wie sie ist und vielleicht aber anders auch sein könnte. Nämlich im Wortsinn souverän, offen und also eine Demokratie, die ....

Welche Gerichtsverhandlungen haben Sie als Korrespondent behandelt und welche dieser Verhandlungen hatten die größten Auswirkungen?
- Den nachhaltigsten Eindruck machte mir die erste Gerichtsverhandlung, über die ich als Reporter für die kleine Sozialdemokratische Zeitung „Solothurner AZ" berichtet habe. Vor Gericht musste sich ein Täter verantworten, der einen Menschen getötet hatte. Mord lautete die Anklage. Ich sass also zum ersten Mal in einem Gerichtssaal, in dem ein hilflos wirkendes Individuum versuchte, sich gegen das drohende Urteil „lebenslänglich" zu wehren. Mit leiser Stimme, zu leise für den schwerhörigen Gerichtspräsidenten, der dieses Individuum immer wieder nötigte, das Unrecht der begangenen Tat laut, bitte noch lauter – zu beschreiben. Ich erlebte also die Gewalt, die der dafür legitimierte Staat ausübt, wenn Menschen über Menschen zu Gericht sitzen und Recht sprechen im Namen des Volkes.

Mit dem Urteil lebenslänglich für den Mörder. Vermutlich war dieses Urteil juristisch gut begründet, es wurde jedenfalls nicht angefochten, schliesslich hatte der Pflichtverteidiger einfach seine Pflicht gemacht, nicht mehr, nicht weniger, und von da an war ich jahrzehntelang Gerichtsreporter, bei schwersten Delikten ebenso wie bei Alltags-Crime. Der erste Eindruck aber hat mich für immer geprägt. Der erste Prozess hat mich erschüttert und mich für immer wach gemacht für alles, was mit Recht und Gerechtigkeit zu tun hat. Ich will nicht urteilen, ich will verstehen.

 

Sie waren Assistent von Max Frisch und standen Erich von Däniken nahe. Wie kann man diese beiden Persönlichkeiten vergleichen wenn man sie nebeneinander betrachtet? Welcher war der stärkste Eindruck, den sie bei Ihnen hinterlassen haben? Wie haben diese beiden beeinflusst? Wie sieht man von Däniken heute, verglichen zu seiner Rezeption in den siebziger und achtziger Jahren?

- Assistent von Max Frisch war ich nie. Aber seine Romane, „Stiller, Homo Faber, Mein Name sei Gantenbein, seine Stücke Biedermann und die Brandstifter, Andorra u. nicht zuletzt seine Tagebücher und Einlassungen zu einer Schweiz, die ihm als Schriftsteller eine Pflichtaufgabe war... Erst dann habe ich Max Frisch persönlich kennengelernt, und als Mensch schätzen gelernt.

Erich von Däniken wurde zu seinen Lebzeiten von der snobistischen Schweizer Literaturszene einfach ignoriert. Dass er Millionen Leser hatte, interessierte nicht. Dass er ein Schöpfer grossartiger Welten war, weltweit erfolgreich, wurde in der Schweiz arrogant übersehen. Von Däniken galt als Blender, als Aufschneider, der mit falschen wissenschaftlichen Behauptungen Geld verdiente. In Wahrheit war er ein weltoffener, schüchterner, und vor allem unglaublich neugieriger Weltreisender, einer, der vielleicht nie Überirdischen begegnet ist, aber ein immer herzlicher, elektrisierender Mensch in menschlichen Begegnungen. Ich setzte mich immer gern zu ihm, wenn er in der Kneipe von seinen Projekten erzählte, in der Kneipe, draussen vor der Tür bei den Solothurner Literaturtagen.

Was macht die Literaturveranstaltung in Solothurn, die Sie organisieren besonders? Bemerken Sie auch, dass es heute mehr junge Schriftstellerinnen gibt als junge Schriftsteller?

- Zuletzt bin ich auf Yordan Radichkov gestossen, den Enkel des grossen gleichnamigen Schriftstellers. Und dieser junge Yordan Radichkov ist ein literarischer Kraftprotz. Eine Zugfahrt bei der die Reisenden einen vielleicht schon toten aber jedenfalls fast schon toten Mitpassagier entsorgen wollen, weil: „Wir wollen ihn schliesslich nicht ewigen Qualen aussetzen und auch nicht, dass er auf der Erde umgeht – das fehlte noch, dass er zu einem Geist wird"...Und weiter im Text: „Wo sollten wir ihn denn begraben? – ich schlage vor, wir werfen ihn aus dem Fenster und basta. Alles ist vergänglich. Also, wenn wir ihn aus dem fahrenden Zug werfen, machen wir nichts falsch." Zitate aus „Leben wo bist Du?", im eta Verlag Berlin, 2019.

Der Verlag wirbt dafür so: „Wer mit Ende20 so schreibt, der hat Humor, Literatur und Theater im Blut." Mit diesen Worten empfehle ich diesen Autor auch.

Sie leben mit einer bulgarischen Journalistin und Schriftstellerin zusammen. Wenn sie den bulgarischen Journalismus und die bulgarische Literatur betrachten welchen Eindruck haben Sie davon?

- Ich arbeite an meinem dritten Roman. Arbeitstitel: „Wenn Hören und Sehen vergehen". Und wenn das Leben oder der Tod nicht dazwischen kommt, soll er in zwei Jahren erscheinen.

Das Interview wurde geführt von Svetlana Zheleva und Dessislaw Pajakoff

 

 

Прочетено 493 пъти Последна промяна от Четвъртък, 25 Юни 2026 18:34
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