Doz. Dr. Bisera Dakova über die Bulgaristik heute, das Bild, das man in Bulgarien vom Wien der Jahrhundertwende hat, und über ihre eigene Wahrnehmung von Wien

Bisera Dakova ist eine bulgarische Literaturhistorikerin.

2002 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Literatur der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften tätig. 2003 absolvierte sie ein „Ernst Mach“ Forschungsstipendium an der Universität Wien. 2007 lehrte sie als Dozentin am Institut für Literatur (BAW), und von 2006 bis 2011 als Gastlektorin für Bulgarisch und bulgarische Literatur an der Universität Wien (2006-2011) sowie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit 2016 lehrt Bisera Dakova bulgarische Literatur am Institut für Slawistik der Universität Wien.


1. Die Bulgaristik heute

Ja, beginnen wir mit dieser vielleicht heiklen Frage. Obwohl viele Universitätslektorate zu bulgarischer Sprache, Literatur und Kultur eingestellt wurden und, trotz des Verlusts einer großen Figur der Bulgaristik in Wien wie Prof. Heinz Miklas, wage ich zu behaupten, dass die Bulgaristik hier nicht im Niedergang begriffen ist, dass sie keinen toten Punkt erreicht hat. Vor einigen Jahren wurde ein groß angelegtes nationales Programm mit dem Titel „Entwicklung und Etablierung der Bulgaristik im Ausland” ins Leben gerufen, an dem Universitäten aus Bulgarien und das Literaturinstitut der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften beteiligt sind. Dieses Programm fördert die Ausbildung von Bulgaristinnen aus dem Ausland, denen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Spezialisierung in Bulgarien geboten wird. Es ist bedauerlich, dass dieses Programm sich an Doktoranden richtet und nicht an Studierende mit ausgeprägtem philologischem Interesse. Ansonsten wurde Frau Mitreva de Zuli, von der Universität Wien an das Institut für Literatur bei der Bulgarischen Akademie (dessen Vertreterin ich hier bin) entsandt. Sie verteidigie erfolgreich im Jahre 2024 ihre Doktorarbeit am Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien. Ihre Doktorarbeit wurde bereits als wissenschaftliche Monografie unter dem Titel „Italien in der neubulgarischen Literatur. Eine komparatistische Untersuchung von Motiven, Einflüssen, Intertextualität” (Weidler Buchverlag, Berlin: 2025) veröffentlicht.
Außerhalb dieser Politik des bulgarischen Staates fanden im Institut für Slawistik der Universität Wien im November 2025 eine Reihe wissenschaftlicher Veranstaltungen statt (Vorträge zu mittelalterlichen und zeitgenössischen literarischen Themen, sowie ein Übersetzungsworkshop mit dem renommierten Literaturübersetzer Alexander Sitzmann). Unter dem Titel Klimenttage waren sie ein voller Erfolg und wurden in Anwesenheit von Vertretern der bulgarischen Botschaft in Wien unter der Leitung von Ihrer Exzellenz Frau Naydenova-Gospodinova feierlich eröffnet. Ich begrüße diese Initiative für einen Bulgaristik-November, die von meinen Kollegen Marchela Oleinikova und Ivan P. Petrov (ein vielversprechender Mediävist und erfreulicher Neuzugang in unserem Team) ins Leben gerufen wurde. Ich bin überzeugt, dass die Klimenttage zu einer Tradition werden und jedes Jahr im November stattfinden werden.
Für mich ist es ganz offensichtlich, dass die Bulgaristik als Erscheinung im wissenschaftlichen Leben und als Aktivität im öffentlichen Raum durch Veranstaltungen und deren Medienpräsenz hervorgehoben wird. Was nun die Zahl der Studierenden betrifft, die sich wirklich für dieses Fach engagieren und sich darauf festlegen, so handelt es sich um einzelne Personen (vor dem Hintergrund der wachsenden bulgarischen Gemeinde in Wien, gemessen an den beiden bulgarischen Schulen „Kiril und Metodij” und „Prof. Dr. Ivan Schischmanov”). Einige wenige, aber mit starkem wissenschaftlichem Potenzial, die sich wirklich der Wissenschaft verschrieben haben. Lassen Sie mich hier einige Namen nennen: Eleonora Atanasova, Leonid Motz, Anja Resch (Preisträgerinnen der Auszeichnung „Beste Bulgaristin” für die Jahre 2024 und 2025); außerdem Irina Rusanova, die bereits an der bulgarischen Schule „Kiril und Metodij” unterrichtet; aus den vergangenen Jahren, für den Zeitraum 2017–2020, möchte ich Gergana Chucheva, Melanie Gruber, Alexandra Lavrentiew und Bettina Fillips erwähnen, die noch ihre Ausbildung bei uns abschließt und sich grundsätzlich der Idee des Bulgarischen hingegeben hat. Nicht zu vergessen sind Studenten wie Georg Kail mit seiner beeindruckenden Masterarbeit über den Pazardzhik-Damaskin, sowie die derzeitige Doktorandin am Institut für Sprachwissenschaft Polina Mihova, die den Sammelband des bulgarischen Literaten Pop Puncho aus dem 18. Jahrhundert linguistisch untersuchen wird. Und ich darf die innovative für den Zeitpunkt ihrer Erscheinung Masterarbeit von Anastasiya Kaloyanova "Diabolismus und Sachlichkeit in der frühen Poetik von Atanas Daltschev. 

 

Neben den berühmten Studenten- und Doktorandenkonferenzen im Wittgenstein-Haus – eine Initiative von Prof. Rumjana Koneva und Prof. Elisabeth Schure von der Universität Freiburg – habe ich im Laufe der Jahre selbst mehrere wissenschaftliche Foren organisiert (fast alle finanziell unterstützt von der Universität Wien). Ich möchte die wichtigsten davon hervorheben, die großen bulgarischen Dichtern gewidmet waren: Pejo Javorov (2018); Teodor Trayanov (2022); Atanas Dalchev (2024). Die Studierenden, die mit Vorträgen teilgenommen haben, haben bereits entsprechende Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften vorzuweisen.

Natürlich richtet sich mein Blick jetzt auf unsere neuen Studierenden – wie können wir sie gewinnen, wie können wir sie im Bereich der Bulgaristik halten? Es ist klar, dass ein solcher Studiengang nicht massenhaft besucht werden kann (wenn er nicht einen pädagogischen Profil erhält). In diesem Fall ist jedoch der emotionale Antrieb, die Nostalgie nach dem unbekannten und unerlebten Heimatland, die Begeisterung, ein Bulgare zu sein, von großer Bedeutung. Ich meine hier konkret einen Vertreter der bulgarischen Gemeinschaft – den Schüler Steven Kaser, – der sich für die Sache „Bulgaristik“ engagiert, aber erst in zwei Jahren unser Student sein wird.
In diesem Sinne versuche ich, bei den Schülern bulgarischer Schulen ein Interesse zu wecken, indem ich speziell für sie Literaturvorlesungen halte. Für mich persönlich waren dies produktive Begegnungen mit den jungen Menschen und keine routinemäßige Lehrverpflichtung.


2. Die Sezession in der bulgarischen Literatur
Ja, es gibt eine Sezession, nicht nur in der bildenden Kunst und in der Architektur, sondern auch in der Literatur (stark vertreten in der bulgarischen Poesie vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis etwa 1925). Einige Literaturwissenschaftler setzen die Begriffe Sezession und Symbolismus in der Literatur gleich, ich versuche jedoch, sie voneinander zu entgrenzen, auch wenn sie sich tatsächlich nicht selten überschneiden.
Da wir später noch auf den Dichter Teodor Trajanov zu sprechen kommen werden, möchte ich daran erinnern, dass sein emblematisches Buch „Bulgarische Balladen” (1921) im Stil der Sezession gestaltet ist – mit bemerkenswerten Illustrationen des Künstlers Sirak Skitnik (der übrigens auch als Dichter sehr ernst zu nehmen ist – siehe das Buch „Izpovedi” [Bekenntnisse], 1910). Ich suche jedoch nach Sezession in der Poesie dieser Zeit selbst – in Form von Bildern, die aus der Malerei, den angewandten Künsten und der Architektur entlehnt sind (z. B. Kränze, Girlanden, Flügel usw.), Bildern, die in die literarischen Texte übertragen werden. Der vollendetste (vollkommene) Sezessionist unter den damaligen bulgarischen Dichtern ist Emanuil Popdimitrov. Er verwendet nicht nur Sezession-Ornamente in seiner Poesie, und zwar mit ästhetischem Maß, durchdacht und nicht blindlings modischen Trends folgend, sondern er illustriert auch seine eigenen Werke im Jugendstil (Link zum Zyklus „Meeresgrund” von Emanuil Popdimitrov mit Jugendstil-Rahmung von ihm selbst – Zeitschrift „Hudožnik”, 1909 https://bgmodernism.com/HUDOJNIK_g_3_1909-03-01_3). Er war nicht in Wien, aber er verbrachte prägende Aufenthalte in Frankreich und der Schweiz. Damals erlangte diese Art von Ornamentik unter verschiedenen Bezeichnungen (Jugendstil, Sezession, Art Nouveau, Modern Style, Stile Floreale, Modernismo) in Europa und den USA universelle Verbreitung. Bulgarien war nicht außerhalb dieser vor allem europaweiten Strömung – die Gestaltung von Literaturzeitschriften und Büchern erfolgte bis etwa 1925 in diesem Stil, danach setzte sich die expressionistische Gestaltung durch. Die Illustrationen von Sirak Skitnik zu „Bulgarische Balladen” von T. Trajanov und zu „Marionetten” von Chavdar Mutafov markieren diesen eindeutigen Übergang: Diese Sezession-Bilder stellen keine organisch-vegetative Verflechtung von Bildern mehr dar, sie sind nicht labyrinthartig, sondern werden zu geometrisch klaren Bildern, in denen nicht die wellenförmige Linie dominiert, sondern die rasante Gerade, und in denen charakteristisch sich wiederholende, symmetrisch vervielfachte Figuren auftreten. (Sieh hier den Anhang mit dem Buch „Bulgarische Balladen”).
Aber lassen Sie mich zurückkommen auf die bulgarische Poesie jener Zeit und ihren Umgang mit der Sezession, insbesondere auf T. Trajanov – einen wahren Exponenten (Vertreter und Produkt) der Wiener Jahrhundertwende und Moderne. Bei ihm finden sich, wie bei Emanuil Popdimitrov, die charakteristischen Jugendstil-Bilder (Kränze, Girlanden, Flügel, Wellen, Blumen mit geradezu animalischer Wirkung, „mit flammenden Zungen” – Lilien, Orchideen; die für den Jugendstil emblematische Mohnblume), aber nicht diese äußerliche Ornamentik ist wesentlich für seine frühe Poesie (1905–1909), sondern die Bereitschaft des Dichters, die ästhetischen Imperative des Jugendstils von der Art wie Ver Sacrum/Heiliger Frühling zu überdenken und sie in seiner Poesie einer eigentümlichen ideologischen Prüfung zu unterziehen. Natürlich ist es von Bedeutung, dass Trajanov Architektur an der Technischen Universität studiert hat (sein Denken ist geprägt von den modernen Strömungen in der Architektur jener Zeit), dass er im IV. Bezirk (Viktor-Gasse; Mommsen-Gasse) wohnt und täglich an dem damals (für die Spießbürger vom Naschmarkt) skandalösen Gebäude der Sezession vorbeigehen und die Häuser von Otto Wagner an der Linken Wienzeile betrachten kann usw. Trajanov ist in diese Kultur eingelebt und eingetaucht, aber er ist auch in der Lage, distanziert zu beurteilen, was ihren ideologischen und ästhetischen Bestrebungen entspricht und was nicht. Die Rezensionen, die er damals in der Zeitschrift „Hudozhnik” in den Jahren 1905 und 1906 über die Inszenierung des Stücks „Zwischenspiel“ von A. Schnitzler, sowie über das Konzert des talentierten bulgarischen Pianisten Torchanov publiziert, bezeugen, dass sich die Sezession auch in der Musik manifestieren kann (Prof. Melzer wird von Trajanov als „Sezessionist des Konservatoriums“ bezeichnet).
Die Aufführung der Pantomime „Der junge König“ von Oscar Wilde (oder der „Modenschau“, wie sie der Forscher Mladen Vlashki definiert) in der Volksoper im Jahre 1914, ein denkwürdiges kulturelles Ereignis, bei dem Trajanov als Librettist auftrat und die Musik vom Komponisten Dimitri Karadjoff stammte, war ein Triumph für die damalige bulgarische Kolonie, ein Höhepunkt für die sezessionistische Kunst, und zwar in einer bulgarischen Variante, was die Kostüme und das Bühnenbild betraf. Dimitri Karadjoff (ein talentierter Regisseur, Künstler im wahrsten Sinne des Wortes) schuf später das Stück „Die Heilige“ (1920) – eine einzigartige Synthese aus der Philosophie des bulgarischen Bogomilentums, stilisierten Figuren aus der bulgarischen Märchenfolklore und religiösem Drama – und vor allem mit Kulissen und Kostümen, die symmetrisch im Jugendstil auf der Bühne angeordnet sind. Ornamental nach byzantinischem Vorbild – das ist kein Zufall, wir wissen, wie eindringlich stark die byzantinische Ornamentik im Werk des Anführers der Wiener Sezessionisten, Gustav Klimt, ist.
Ich hoffe, dass das Stück des früh verstorbenen Künstlers Dimitri Karadjoff (1923), der viele originellen Ideen hatte, bald in bulgarischer Sprache (in meiner Übersetzung) erscheinen wird, und meine bisherigen Behauptungen veranschaulichen wird.

 

3. Das bulgarische Bild des Wien der Jahrhundertwende

Ich möchte gleich vorwegnehmen, dass der Forscher der Wiener Moderne Mladen Vlashki dieses Problemfeld ausführlich und mit reichhaltigem Dokumentationsmaterial untersucht hat. Zu unserer großen Enttäuschung erweist sich dieses Bild eher als negativ denn als inspirierend.
Aber lassen Sie mich hier zumindest zwei Ansätze hervorheben, die zeitlich auf die Jahrhundertwende, auf das Jahr 1900, beschränkt sind. Der erste ist äußerst populär und gilt bis heute als unveränderliche Wahrnehmungsmatrix. Es handelt sich um die grobe Gegenüberstellung „Westen – Orient (Balkan)”, die in Alekos berühmtem Werk „Baj Ganjo” (1895) zum Ausdruck kommt. Wien ist nicht nur die kulturelle, europäisch zivilisierte Bühne, auf der sich die unkultivierte, primitive (oder in einem anderen kulturellen Umfeld geformte) Figur hervorhebt und profiliert – es ist auch der Ort, von dem aus diese Figur eine Reihe von Reisen zu kommerziellen Zwecken unternimmt (Prag, Dresden), es ist die Stadt, die Aleko mit ihren konkreten Topoi (Schönbrunn, das griechische Café, die Oper, das Bad) darstellt/markiert. Wien ist aber auch ein Ort, dem der Held, der die Räume mit seinem Körper, nicht aber mit seinem Geist durchquert, zutiefst gleichgültig gegenübersteht („was soll ich mir in Wien ansehen – Menschen, Häuser, Paläste“), d. h. Wien ist für ihn kulturell unifiziert, bietet ihm nichts Neues, obwohl er, wie sich herausstellt, die Sprache nicht beherrscht, ihren kulturellen Code, und gerät in komische Missverständnisse, verwechselt den Status der Frauen, mit denen der Zufall ihn trifft.
Ich erinnere ausführlich daran, weil sich ein solcher Negativismus gegenüber der imperialen Hauptstadt, Gleichgültigkeit gegenüber ihren kulturellen Sehenswürdigkeiten, Empörung über die „Tänzerinnen mit ihren lasziven Bewegungen” und die lüsternen Blumenverkäuferinnen auch in einer Skizze eines gebildeten Autors äussert, – des renommierten Dr. Krăstev, dem Herausgeber der elitären Zeitschrift „Misyl” (1892–1907), in dem Alekos „unglaubliche Geschichten über einen zeitgenössischen Bulgaren” veröffentlicht wurden. In seinem Text „Im Ausland. In Wien (ein Ausschnitt)” aus demselben Jahr 1895 zeigt Dr. Krăstev eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Alekos Held in seiner Unempfindlichkeit gegenüber den zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften Wiens (wobei er zumindest Leipzig, wo er sein Philosophiestudium abgeschlossen hatte, als Vergleichsgrundlage hätte heranziehen müssen). Eine Unempfindlichkeit, eine Unberührbarkeit der Sinne, die wahrscheinlich auf einer ursprünglichen Voreingenommenheit gegenüber diesem Ort beruht, an dem ehemalige bulgarische Regierungsbeamten und Bürgermeister große Summen in Casinos verschleudern. Das Einzige, dem Dr. Krastev nicht gleichgültig gegenüberstehen kann, und das ihn in Begeisterung versetzt, ist die Innenarchitektur des Kunsthistorischen Museums.
Man sollte jedoch nicht denken, dass die damaligen Bulgaren, die sich länger in Wien aufhielten, sich durch eine ähnliche Gleichgültigkeit auszeichneten. Die Rezension von T. Trajanow über das Konzert des Pianisten Torchanov enthält wertvolle Informationen: Das Konzert findet im Bösendorfersaal statt – dem „kostbaren Altar der Konzertmusik“ –, der Pianist wird von seinem Maestro als „bulgarischer Pandarevski“ bezeichnet. Natürlich wird auch das Bedauern zum Ausdruck gebracht, dass „von der großen bulgarischen Kolonie leider und vorwurfsvoll nur etwa zehn Studenten anwesend sind”.
Dass die Bulgaren in jener Zeit (Ende des 19. – Anfang des 20. Jahrhunderts) nicht nur eine Emanation des primitiven Balkan-Typus waren, sondern gebildet, mit vornehmen Manieren und Ambitionen, die sich in das jeweilige Umfeld einfügten (wie es gerade einige der Begleiter von Baj Ganjo aus Europa sind), bezeugt dieser für mich bedeutende Auszug aus dem Anfang eines großen europäischen Romans – "Strudlhofstiege" (1951) von Heimito von Doderer (der bulgarische Titel des Werkes lautet – „Melzer und die Weisheit der Jahre“, 1984):
"Solche Rumänen oder Bulgaren hat es zu Wien immer gegeben, meist im Umkreise der Universität oder der Musikakademie. Man war sie gewohnt: ihre Art zu sprechen, die immer mehr dem Österreichischen sich durchsetzte, ihre dicken Haarwirbeln über der Stirn, ihre Gewohnheit, stets in den besten Villenvierteln zu wohnen, denn alle diese jungen Herren aus Bukarest oder Sofia waren wohlhabend oder hatten wohlhabende Väter. Sie blieben durchaus Fremde (denen aus der Heimat andauernd ungeheure Pakete mit ihren nationalen Leckerbissen zugingen), nicht so konsolidiert fremd wie die Norddeutschen zwar, sondern mehr sozusagen, hiesige Einrichtung, dennoch eben "Balkaneser", weil auch bei ihnen sich das Spezifische ihres Sprechtones nicht ganz verlor."
Aus dem ausführlichen Zitat können wir lernen, dass die Rumänen/Bulgaren, obwohl hier die Zeit der 1920er Jahre gemeint ist, fleißige Studenten aus wohlhabenden Familien und daher begehrte Mieter in prestigeträchtigen Wiener Stadtteilen sind. Ihre Neigung, ihre Vorliebe für komplexe Wissenschaften und Kunst, sowie ihre Anpassungsfähigkeit an die Umgebung sind festgeschrieben. Tatsächlich taucht später im Roman die Figur des Handlungsmotors Dr. Boris Nikolaus Negria auf, der vom Erzähler als „Invasionist” und „Durchbrecher” charakterisiert wird. Eine Figur, die sich durch ihre Durchsetzungskraft kennzeichnet, aber dennoch kultiviert ist, und im Gegensatz zu Baj Ganjo, mit den kulturellen Kommunikationscodes vertraut ist.

 

4. Der authentische Trajanov

Im Massenbewusstsein setzen sich bekanntlich bequeme, klischeehafte Vorstellungen von den großen (bzw. bulgarischen) Autoren durch. Natürlich haben diese Vorstellungen ihre Wurzeln im Schaffen der Autoren selbst oder in etablierten Interpretationen ihrer Werke, aber sie werden dem Bild des Autors als unabdingbare Etiketten aufgedrückt, die ein echtes Eintauchen in die Welt eines bestimmten Autors verhindern und den Zugang zur authentischen künstlerischen Welt vereiteln. Was meine ich damit? Zum Beispiel ist Botevs lyrischer Mensch (Held) nicht nur jemand, der„stark liebt und hasst", sondern er zeichnet sich durch eine komplexe Innenwelt aus, in der Werte einer erschütternden, oft zerstörerischen Reflexion unterzogen werden (d. h. er ist nicht nur ein emotional affektierter Typ, sondern eine Persönlichkeit, die auch von genialem Denken geprägt ist); Vazov ist nicht nur der „Patriarch der bulgarischen Literatur“, sondern auch ein moderner Autor, der die impressionistisch-symbolistische Weltanschauung vorausahnen und in seinen Werken zum Ausdruck bringen konnte, und innovative Narrative wie die Novellen „Chichovtsi/Gevätter“ (1885) und „Kardaschev auf der Jagd“ (1895) schuf. Die Poesie von Javorov ist nicht nur zwischen dem Dämonischen und dem Engelhaften gespalten, sondern zeichnet sich durch eine äußerst faszinierende Entwicklung mit Wendepunkten und Umdeutungen in ihrem künstlerischen Ausdruck aus. – Der Dichter selbst hat nicht wenig dazu beigetragen, sein Schaffen (in seinen Gedichtbänden) zwischen einer frühen, realistischen, zugänglichen Poetik und einer späten, symbolistisch verschlüsselten Sprache, die unzähligen Interpretationen unterliegt, zu teilen. In diesem Sinne ist Javorov nicht nur ein außergewöhnlich begabter Dichter, eine zweite Emanation des bulgarischen Genies nach Botev, sondern auch ein Autor von Gedichten, die er selbst bewusst auf verschiedene Perioden verteilt und voneinander abgrenzt, ein selbstreflexiver und spekulativer Autor großen Ranges...
Natürlich kann man vom Leser, der die bulgarische Literatur schätzt, keine professionelle Fachkenntnis eines Forschers verlangen, und deshalb mache ich diese Einleitung auch nicht. Ich beginne weit entfernt, bei Botev, um zu Trajanov zu gelangen und zu seinem über die Jahrzehnte hinweg (leider auch in Zeiten des Verschwiegenheit oder der Verfälschung der Vorstellung von seiner Poesie) der etablierten unwahren, unechten, verfälschten poetischen Physiognomie. Die groben Klischees, mit denen Trajanov bezeichnet wird, sind derart „geradliniger Symbolist” oder „Dichter, der mit seinem außergewöhnlichen Buch "Bulgarische Balladen" (1921) einen Durchbruch in der symbolistischen Poetik erzielt hat. In den letzten Jahren hat der Forscher und Kenner der Wiener Moderne, Mladen Vlashki, bemerkenswerte Erfolge bei der Entschlüsselung von Trajanovs literarischer Persönlichkeit erreicht, indem er mit Archivmaterialien, Briefen und Zeugnissen aller Art aus dem Zeitraum 1900–1914 umgeht, und hat es, meiner Meinung nach, geschafft, das Bild von Teodor Trajanov als Vermittler zwischen dem Jung-Wien und dem Jung-Bulgarien zu festigen (2017; 2022).
Meine Sichtweise auf T. Trajanov ist eine andere: Seit Jahren, genauer gesagt seit 2002, und bis heute unentwegt, beschäftige ich mich mit der Veränderung, die der Dichter Trajanov in den 1920er Jahren, als er nach Bulgarien zurückkehrte und sich dort niederließ, an seinem in Wien entstandenen Werk vornahm. Es handelt sich um eine konsequente Selbstrevision, eine Neufassung der dekadent-resignativen Poesie (deren Höhepunkt die Veröffentlichung des Dichters im Almanach „Südliche Blüten” von 1907 darstellt) in einem ekstatisch-heiteren, apologetisch-deklamatorischen, manchmal unlogisch-optimistischen Geist. Dies ist der „geradlinige Symbolist”, den die bulgarischen Leser kennen, monoton in seiner Dur-Tonart, entpersönlicht, ohne ein Ich, wo das ursprüngliche Bild, die starke Pointe im Refrain verloren gehen, abstrahiert und verwischt werden durch den Strom der Deklamativität, durch die Idee einer gewaltsamen, aufdringlichen Kreativität (das sogenannte „Erbauliche”).
Der einstige, unverfälschte, stark erotische, mit seinen dekadenten Visionen skandalös schockierende Dichter Trajanov, der Nachfolger des österreichischen Baudelaire – Felix Dörmann – der Faszinierte auch von der Poesie des damals sehr populären deutschen Dichters Richard Dehmel – wurde verdrängt, ausgelöscht von dieser bravourös-ekstatischen, ultimativ-auffordernden, sinnlosen, eher plakativ-symbolistischen Sprache. Mit dieser enormen Transformation und Selbstveränderung seines eigenen poetischen Profils bei Trajanov, die ihren Höhepunkt in seiner Anthologie „Der befreite Mensch“ (1929) erreichte, habe ich mich in meiner Monografie „Der unanthologische Trajanov“ (2009, Hamburg: Dr. Kovač), sowie in daraus abgeleiteten Studien in deutscher und bulgarischer Sprache nach 2009 eingehend beschäftigt.
Diese Selbstverwandlung, diese Selbstübersetzung im Einklang mit dem avantgardistischen Kontext der 1920er Jahre beschäftigt mich noch immer, und ich denke, dass dies ein unerschöpfliches Thema für Forschung, Interpretation und die Formulierung neuer, anderer literaturhistorischen Thesen, nicht nur über Trajanov, sondern auch über den sogenannten bulgarischen Symbolismus insgesamt ist.
Aber lassen Sie mich auf den Wiener Trajanov zurückkommen. Er ist wirklich eingetaucht, hat sich in die ästhetischen "Gesetztafeln" seiner Zeit vertieft. Er lässt sich beeinflussen, d. h. er nimmt aktiv auf und strahlt in seiner Poesie das aus, was ihm gefällt, was seinem innersten lyrischen Wesen entspricht. Die Behauptungen über Einfluss und Nähe, über die Bekanntschaft mit Hofmannsthal und Schnitzler, mythologisierende und über die Zeit hinweg beständige Behauptungen, wurden vom deutschen Slawisten Prof. Ludger Udolph (1993) in seiner äußerst wertvollen Monografie widerlegt, die die gesamte Entwicklung des Dichters von 1905 bis 1941 nachzeichnet.
Ich selbst bin der Meinung, dass Trajanov Motive, Bildkerne, lyrische Situationen und lyrische Titel vor allem von Richard Dehmel und insbesondere von dem bereits erwähnten Felix Dörmann, dem Autor des beschlagnahmten Buches „Neurotica“ (1891), aus dem ein Gerichtsverfahren hervorging, aktiv aufgreift. Es handelt sich um einen Vertreter der Wiener Moderne, der heute fast vergessen ist, obwohl seine Gedichtbände frei im Internet gelesen werden können. Ich meine damit, dass er von den Forschern der Wiener Moderne vergessen wurde, vielleicht weil er als blinder Nachahmer von Baudelaire galt? Ich weiß es nicht, das ist nur meine Vermutung in diesem Fall. Er war jedoch im ausgehenden 19. Jahrhundert sehr beliebt und wurde in Bulgarien durch eine autorisierte Übersetzung von Geo Milev („In dieser Stunde der abendlichen Täuschungen“, 1917) bekannt. Der junge Trajanov, 24-25 Jahre alt, taucht vollständig in die verhängnisvolle lyrische Welt von Dörmann ein: in seinen düsteren, schwülen Innenräumen, in seinen Figuren, die zwischen Liebesrausch und zerstörerischer Apathie hin- und hergerissen sind, in der Atmosphäre, die von den Trieben des Fleisches, der Zügellosigkeit des Instinkts und der Übererregbarkeit der Nerven durchdrungen ist.
Um meine Behauptungen nicht unbegründet zu lassen, werde ich hier zwei Texte zitieren – einen von Dörmann aus „Neurotica” (1891) und einen von Trajanow (1906), um ihre Ähnlichkeit hervorzuheben:
Die müden Leiber ruhen,
Jedweder Regung bar,
Und um uns beide fluthet
Narkotischen Duftes dein Haar.

Noch sind die heißen Glieder
Einander angeschmiegt,
Noch küssen sich die Lippen,
bis uns der Schlaf besiegt.
Dörmann, aus dem Zyklus "Madonna Lucia", 1891


Und das T. Trajanovsche Gedicht aus dem Zyklus "Lieder des Durchschlafes":

Es betäubt unsere Marmorleiber
der aufgewachte Atem aufgeblühter Kakteen...
Es befeuchtet unsere versilberten Wangen
ein von ewiger Trauer verwehter Nebel...

Schläfern wir, Göttin, ein, unsere Seele
im Fleisch deiner undurchsichtigen Schönheit...
Komm, einen tödlichen und letzten Kuss
in die aufgewühlten Herzen einzuwurzeln...
Trajanov, 1906 (deutsche Übersetzung von mir, B. D.)

Ich glaube nicht, dass Trajanovs Gedicht nur eine Form von Einflussnahme ist. Es ist ein künstlerisches Vorbild, ganz im Sinne der Wiener Moderne.
Aber wenn ich ein Beispiel für Trajanovs Selbstumschreibung, für die Abstraktion und eigentümliche Entkräftigung des lyrischen Wesens, für die Auslöschung der spezifischen Atmosphäre der Wiener Sezession, für die Befreiung von der halluzinatorisch-traumartigen Welterfahrung, würde ich als aussagekräftiges Argument die beiden Versionen eines schockierenden Gedichts von Trajanov aus den Jahren 1905 und 1929 anführen.
Dämon
Ach, bleib doch! Und deine wilde Freude
Tauche wieder in mein Blut...
Aber die tödliche Süße des Glücks
Gieße in meine Seele... lass sie einschlafen.

Dann komm!... Beiß, mit deinen Nägeln grausam
Mit Lachen zerreiße mein Herz,
Schau mir wieder tief in die Augen...
Aber umarme mich mit zitternden Armen!

Hebe mich mit dem Schauder-Glück empor,
mit seinen blutsaugenden Fühlern,
Trage mich in einem sterbenden Wirbelwind
auf deinen schwarz-flammenden Flügeln.

Zerreiße meinen Leichnam, mein Herz soll stöhnen,
Und suche in meinem Tod nach Sättigung...
Dann nimm auf deine Knie
Meinen Kopf ... und bestreue meine Lippen mit Süße.
1905


Geist/Gespenst
Hier tauche den Geist deiner gierigen Freude
erneut in meine Trauer ein,
gieße die Betäubung unbekannter Süße
in meine Seele, lass sie einschlafen.

Steig hinauf, Weib, auch wenn die Seele stöhnt,
suche in ihrem Tod nach Sättigung,
dann nimm auf marmorne Knie
meinen Kopf und bestreue ihn mit Schwindel!

Setze uns eine Krone aus Dornen auf
und kröne die wahnsinnige Liebe,
und vielleicht wird der Himmel sich erschließen
und einen versteckten Winkel zeigen, wo der Morgen anbricht.

Oder vielleicht wird in seiner großzügigen Glückseligkeit
das ganze Leben für einen Augenblick verbrennen,
und in lasziver Schönheit heißen Schoßes
wird der Tod unsere Körper verwandeln.
1929
(grobe Übersetzung von mir, B. D.)
Mit diesem Beispiel versuche ich zu veranschaulichen, wie sich der Dichter – ganz bewusst – von den dekadenten Einflüssen in seinen frühen Werken befreit und tatsächlich seine Rolle als Dekadent in der bulgarischen Poesie aufgibt. Dies hängt mit den ästhetischen (eigentlich ästhetisch-ideologischen) Bestrebungen des Literaturkreises „Hyperion“ zusammen, einem Kreis, in dem Trajanov eindeutig und einstimmig (mit späterer Datierung!) als großer symbolistischer Dichter gefeiert wird. Und um auf diese so entstandene apologetische Vorstellung von sich selbst zu reagieren, führt Trajanov diese entschlossene, sein Schaffen umfassende Selbstrevision durch. Natürlich ist dies vielleicht nur einer der Gründe, warum der Dichter seine Gedichte in diesem Geist des Aufstiegs, der Macht, der Lebensphilosophie umschreibt, in dem sadomasochistische Erregungen durch die gesunden Instinkte des „befreiten Menschen“ ersetzt werden.
Eine große Aufgabe für die bulgarische Literaturwissenschaft ist die akademische Herausgabe des gesamten Werkes von Trajanov, in der die bedeutenden Veränderungen bei diesem großen bulgarischen Dichter und Vermittler zwischen den Kulturen textuell genau nachverfolgt werden.
Auch hier weiche ich, glaube ich, nicht von den gestellten Fragen ab, sondern teile erneut meine Erbitterung und meinen Schmerz darüber, dass die Stadt Wien die Anbringung einer Gedenktafel für den Dichter in der Wiednerhauptstraße 125 abgelehnt hat. Das Argument war, dass das Projekt nicht zum ausgewählten Ort – dem Cafe Treff – passe (nun, Herr Phillip Masin war der einzige Eigentümer eines Gebäudes unter den vielen Eigentümern von Gebäuden, in denen sich Trajanovs Wohnsitze in Wien befanden, der freundlicherweise seine Zustimmung zu einer Gedenktafel gegeben hatte). Ansonsten ist dies kein repräsentativer Ort – mein einziger Trost war, dass sich in der Nähe das Haus von Friederike Mayröcker befand, der großen Wiener Autorin, einer überzeitlichen literarischen Persönlichkeit, die ich das Glück hatte, persönlich zu kennen und von der ich ein Prosawerk ins Bulgarische übersetzt habe („cамо ЖЕСТОКО седя“, Verlag „Ergo“, 2019).
Aber selbst dieser nicht besonders einladende Ort für die Anbringung einer Gedenktafel wurde uns mit einer gewissen Geringschätzung verweigert: Wenn Trajanov bedeutend ist, dann schreibt wissenschaftliche Arbeiten über ihn, aber das Projekt für eine Gedenktafel ist in diesem Fall unangebracht. Tatsächlich sind die am besten geeigneten Orte die Viktorgasse und die Momsengasse, wo Trajanow in seiner Jugend und zur Zeit seines Wiener Triumphs – der Aufführung von O. Wilds „Der junge König“ an der Volksoper im Jahr 1914 – gewohnt hat. Aber wir haben von diesen Eigentümern (zusammen mit Herrn Dobrin Stanev von der Botschaft) keine Zustimmung erhalten. Wenn eine bulgarische Institution intervenieren würde (ich meine, wenn die Botschaft der Republik Bulgarien rein administrativ mitwirken würde), wären wir wahrscheinlich erfolgreich in diesem Vorhaben, in dieser Initiative – eine angemessene Gedenktafel im IV. Bezirk (ironischerweise nicht weit von der Gedenktafel für Georgi Dimitrov am Elisabethplatz) für einen großen bulgarischen Künstler von europäischer Bedeutung anzubringen.
Offen gesagt, habe ich diesem Interview, unserem Gespräch, zugestimmt, um erneut öffentlich für die Anbringung einer Gedenktafel für Teodor Trajanov zu appellieren – einen Künstler, der sich auch um die Wiener Kultur verdient gemacht hat.


5. Meine Wahrnehmung von Wien
Aus den obigen Zeilen könnte man schließen, dass ich Wien in gemütliche und weniger einladende Stadtteile unterteile. Diese Stadt ist ein Ort, den ich im großem Maße kenne, und den ich immer wieder neu erkunde. Eine Stadt, von der ich mich verabschiedet habe und in die ich für längere Aufenthalte zurückgekehrt bin. In letzter Zeit halte ich sie nicht mehr für die „lebenswerteste Stadt der Welt”, und wenn ich diesen Ausdruck im Radio Wien höre, habe ich den Eindruck, dass die Moderatoren ihn ironisch verwenden.
Ich wünsche mir, dass meine Sinne für Wien nicht durch Gewöhnung abstumpfen – ich möchte mich immer wieder von den verborgenen Reizen der Stadt überraschen lassen, sie kontemplativ erleben, ohne touristisch begeistert zu reagieren. Ich bin froh, dass mich das Schicksal mit dieser Stadt zusammengeführt hat, und mir ist bewusst, dass sie mich in gewisser Weise geprägt hat, obwohl ich erst relativ spät, mit 35 Jahren, hierher gekommen bin, während meiner Spezialisierung bei Prof. Alfred Pfabigan – „Die Wiener Sezession und die bulgarische Poesie der Jahrhundertwende“. Im Gegensatz zu Trajanov, der im Wiener Stil schreibt, aber keinen einzigen poetischen Text hat, der konkret von Wien inspiriert ist, lasse ich mich poetisch von den Wiener Realien inspirieren, und 2023 wurde mein kleines „Wiener” Büchlein – „Unerwidert” (Verlag Guthmann-Peterson) veröffentlicht, das nach einem Wettbewerb von der Stadt Wien gesponsert wurde. Ich möchte unser Gespräch mit zwei Gedichten aus diesem Band beenden, die sich mit dem Wienerischen und damit auch mit dem Orientalischen, sowie mit der besonderen Zeit der Pandemie befassen, eine Zeit, in der in Wien nur Bettler, Verrückten und Polizisten zu sehen waren, und ich – eine inspirierte Fußgängerin – ungestört umherstreifen konnte. Aus dem zweiten Text „Lockdown“ konnte ich ein bulgarisches poetisches Äquivalent erreichen, weshalb ich es als Ende des unendlichen Themas Wien wähle.

Am Lokal "Kebaptime" vorbei

Diese Stadt
des Kaiserkebaps
und der Bosna-Hotdogs;
es ist Sonntag,
und orientalisch
entfaltet sich
die Zeit,
die Zeit
ist kebapartig:
Mit der langwierigsten
Straßenbahn
fahre ich
nach Speising –
die giftige Liebe
will ich
rasch speisen,
verschlingen,
vergessen –
stattdessen
zermalmt
meine Hand
die zwei Blättchen
Jasmin
von damals...


Lockdown

In dieser kahlen Stadt –
grau in grau, –
wo nur die Polizei
das Herz des Kaisers
überwacht,
und die Krähen
herrschen
an menschenleeren Plätzen,
in jenem Garten
von Grillparzer,
wo die Rosen –
verpuppt –
in tiefem Schlaf versunken,
in der dämmrigen Ecke
der langhaarigen Prinzessin,
singen Drosseln zu Weihnachten,
ja, das Reale ist unwahrscheinlich –
die Drosseln singen zu Weihnachten,
und reimlos ist ihr Lied:
wie Hoffnung.

Прочетено 358 пъти Последна промяна от Вторник, 03 Март 2026 08:29
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