Aus einer bulgarischen Gärtnerei ist eine Kärntner Institution geworden.
Sie sind in Kärnten geboren geworden und aufgewachsen. Woher kommt das Bulgarische?
- Wie mein Vater schon erwähnt hat, ich bin bei den Großeltern aufgewachsen, Meine Großmutter hat kein Deutsch gesprochen und so habe ich nur Bulgarisch mit ihr gesprochen und es so gelernt.
Wir haben ja auch über Ihre Spielkameraden gesprochen.
- Die Spielkameraden waren ja meistens die Kinder der Arbeiter von meinem Großvater und das waren meistens Bosnier, Kroaten und Serben und durch das hat sich so eine Mischsprache entwickelt. So habe ich das Bosnisch-Kroatisch-Serbische gelernt und so ist eine Mischsprache entstanden. Ich bin zwar stolz, dass ich sie spreche, aber ich bin nicht stolz, dass ich sie unterscheiden kann.
Wie haben Sie Bulgarien erlebt? Wie sehen Sie das Land und die Leute?
- Ich war seit über 25 Jahren nicht in Bulgarien. Für mich war es sehr schön. Das ist für mich eine andere Welt gewesen. Also mir fällt der Spruch von der ersten und zweiten Welt ein – also wenn man den Standard aus Österreich gewohnt ist. Das erste Mal für mich als Kind war es das Schönste und zugleich das Schlimmste: das erste Mal in Draganowo wo meine Familie herkommt.
Ich war 5 Jahre alt und an das kann ich mich erinnern. Der Vater hat einen Volvo gehabt. Mit dem sind wir nach Bulgarien gefahren. Und im Ort hat es 2 Schotterstraßen gegeben und das war‘s. Die Kinder sind aus den Höfen raus und sind diesem Auto nachgelaufen, weil sie so ein Auto nicht gesehen haben, geschweige denn ein westliches Auto. Das ist etwas was mir damals geblieben ist.
Etwas hat Bulgarien was Österreich nicht hat: Die Leute sind herzlicher und ehrlicher. Also wenn man dort war als Erwachsener oder als Kind hinkommt, man wird nie das Gefühl haben, dass man dort ausgenutzt wird. Wenn man dort eingeladen wird, wir aufgetischt und bald kommt der Moment wo man sagt „Ich kann nicht mehr essen! Es ist genug“. Das war in Bulgarien schön. Es ist sich halt nicht mehr ausgegangen, dass ich nachher noch rübergefahren bin.
Ihr Onkel war der Gärtner und Ihr Vater ist Physiker. Welchen Weg sind Sie gegangen?
- Ich bin Quereinsteiger durch und durch: Ich hab HTL gemacht das Fach Elektrotechnik. Es hat mir zwar nicht gefallen, aber ich habe es fertig gemacht. Ich habe dann 10 Jahre Kellner gemacht und war dann als DJ in Ö unterwegs gewesen. In der Gärtnerei habe ich als Kind mitgeholfen und als Erwachsener auch. Durch das Kennenlernen mit meiner Frau war das so, dass wir uns immer mehr zu der Gärtnerei zugeführt haben.
Meinem Onkel ist es immer schlechter gegangen. Es hat keinen Nachfolger gegeben, weil meine Cousine etwas anderes macht und dann hat es sich so ergeben, dass ich nachher reingeschlüpft bin und nachher die Gärtnerei übernommen habe. Über die Jahre hinweg habe ich die Kurse gemacht und alle notwendigen Prüfungen absolviert.
War das mit der Gärtnerei von Anfang an klar?
- Als Jugendlicher wollte ich eigentlich in die Hotelfachschule gehen. Mein Vater war Techniker und ich sollte auch Techniker werden. Jetzt haben die Eltern gesagt, jetzt mach einmal die Schule fertig und dann mach was du willst und ich hab das dann getan: Ich hab die Schule fertig gemacht aber nicht maturiert. Ich habe die HTL beendet nicht abgeschlossen, das war so eine Trotzreaktion.
Dann bin ich ins Gastgewerbe gegangen.

Was würden Sie sagen ist das große Geheimnis - die Alchimie - der bulgarischen Gärtner? Was ist der große Unterschied zu den österreichischen Gärtnern?
- Es gibt eine ganz einfache Geschichte: der Kaiser Franz Joseph war auch einmal in Bulgarien. In Österreich hat’s eben den Bauern gegeben. Es hat den Gemüsebauern gegeben der nur Kohl, Karfiol und Brokkoli usw. angebaut hat, den Bauern mit der Tierzüchter. Der Kaiser hat in Bulgarien zum ersten Mal gesehen, dass Mischkulturen funktionieren - auf kleinen Flächen - und hat damals gesagt zu den bulgarischen Gärtnern: „Kommt‘s nach Österreich ihr seid steuerfrei in der Zeit“. Das war überhaupt der Grund warum so viele Bulgaren nach Österreich und Ungarn gekommen sind.
Das ist es was einen bulgarischen Gärtner noch heute auszeichnet: Wir sind bekannt für eine extreme Vielfalt. Mittlerweile haben die österreichischen Gärtner nachgezogen. Aber man braucht jetzt 30, 40 Jahre zurückgehen, da waren es nur die Bulgaren, die diese Vielfalt gehabt haben an Gemüsearten. Wie mein Vater gesagt hat sechzig, siebzig Arten Gemüse, das haben die österreichischen Gärtner nicht gekannt. Da war eine Monokultur und das war‘s.
Wir haben gehört, dass man den Leuten damals Gemüsesorten zb die lange Paprika etc. erklären musste. Wie ist das jetzt vor allem bei den jungen Leuten. Interessieren sich die mehr für diese Vielfalt?
- Absolut! Ich finde Corona hat viel ausgemacht und das Internetzeitalter. Man ist weltaufgeschlossener. Man will mehr lernen. So war es früher mit den Kräutern: Man hat Petersil und Schnittlauch gekannt. Und wenn man Glück gehabt hat Dill. Heutzutage kommen die Jungen und fragen: „Haben sie Koriander, haben sie Verbene, haben sie das oder das. Was auch super ist. Wenn man nur auf einer Linie ist überhaupt als Junger, da stößt man irgendwann auf eine Wand. Und die Jungen wollen Salate, Sie wollen fünf, sechs verschiedene Salate essen. Die Älteren sagen, sie wollen ein Grazer Krauthäupl oder nur einen Butterhäupl, weil „die anderen kenn‘ ich nicht ess‘ ich nicht!“. Dafür die Jungen: „Warum nicht probieren, mehr als ausspucken, wenn es nicht schmeckt kann ich nicht“. Und das ist so super daran.
Kommt das vom Reisen, weil die Leute viel gereist sind?
- Ich glaub schon. Es wird alles aufgemacht, Reisen wird billiger. Ich bin aber trotzdem der Meinung, dass Fernsehen und Medien viel dazu beigetragen haben diese Vielfalt zu genießen.
Noch einmal auf Bulgarien zurück zu kommen. Du warst vor 25 Jahren das letzte Mal dort. Bei den Bulgaren die jetzt nach Österreich kommen, sehen Sie da einen Unterschied?
- Einen sehr großen Unterschied. Der Unterschied ist dieses „fremdeln“. Das sagt man so, wenn man als kleines Kind fremde Leute zum ersten Mal sieht. Früher war die bulgarische Gemeinschaft wirklich eine Gemeinschaft. Mittlerweile kommt‘s wieder. Ein Beispiel: ich bin vor kurzem drauf gekommen, dass 500 Meter weiter eine bulgarische Familie wohnt und die haben auch nicht von uns gewusst. Es ist die Kommunikation nicht mehr so wie es früher war „wir sind da und suchen wo die Bulgaren in Klagenfurt sind“.
Man merkt‘s aber auch bei den Österreichern in den Wohnblöcken. Früher hat jeder jeden gekannt. Heutzutage weiß ich nicht einmal mehr wie mein Nachbar ausschaut. Und das ist so, dass die Bulgaren die jetzt kommen, die Nähe nicht suchen. Mittlerweile kommt es schon vor, dass einer sagt, das ist ein Bulgare und ihn vorstellt. Aber das Feste wie früher, so wird es nimmer werden.
Wenn Sie so an die Zukunft denkst was wird von dem spezifisch Bulgarischen – die Vielfalt, die neuen Rezepte die sie beschrieben haben - was wird davon übrig bleiben, was wird sich durchsetzen?
- Das war jetzt eine selber beantwortete Frage. Es ist alles schon da! Also „durchsetzen“ keine Ahnung. Die bulgarische Küche: Das einzige was ich traurig finde das sie so unbekannt ist! Sie ist wahnsinnig gute Mischküche. Da ist Griechisches dabei, da ist Türkisches dabei, viel Russisches, auch Ungarisches und Französisches. Und das ist schade, dass das so wenig bekannt ist. Aber das zu ändern da müsst ich Nostradamus sein.
Man lernt diese Küche kennen über Griechenland, vielleicht auch über Serbien oder die Türkei. Bulgarien selbst ist der weiße Fleck.
- Genau! Das einzige was bekannt ist, ist Varna und die Schwarzmeerküste, aber das war’s auch schon.
Darf ich einflechten in Thailand gibt es „Bulgaria“-Joghurt. Da erzählt man von den hundertjährigen Bulgaren die so alt werden weil sie Joghurt essen. Glauben sie, dass man über die Gartenprodukte versuchen kann das Kennenlernen, den Tourismus zu fördern? In Richtung „Fahr mit deinem Gärtner nach Bulgarien!“
- Jein. Ich würde eher sagen über die Kulinarik. Dass du sagst die Leute sollen über die Kulinarik, die bulgarischen Waren das Land kennenlernen.
Weil wir über Thailand gesprochen haben, Thailand war ja schwerstens behaftet wegen Sextourismus. Mittlerweile fahren viele Leute –meine Frau und ich gehören auch dazu – nicht wegen des Sextourismus hin, sondern wegen dem Essen.
Das ist schon eine Möglichkeit wegen der Kulinarik Leute nach Bulgarien zu bringen. Nicht nur an den Strand, sondern ins Landesinnere zu fahren. Viele Leute fahren zum Beispiel nach Slowenien und Kroatien wegen der Kulinarik. Wenn man Österreichern was beibringen könnte dann wegen der Kulinarik. Was auch in Bulgarien ist und ich selbst gesehen habe so ein grünes Meer, das so aussieht wie Säulen.
Und das erste Mal als ich das gesehen habe ich gefragt „Papa ist das Thailand?“ Das ist Bulgarien!“ hat er gesagt. Die Kultur ist bei uns sehr groß und es gibt bei uns sehr schöne Sachen zu sehen. Über die Kulinarik könnte man es schaffen, dass die Leute mit Bulgarien affin werden.
Jetzt haben wir die ganze Zeit vom Gemüse gesprochen: Aber die bulgarischen Würste gibt es auch Lukanka zum Beispiel
- Sucuk! Aber das ist etwas was viele Leute, auch die Nachbarn meiner Eltern und auch meine Freunde sich wünschen, wenn einer von uns nach Bulgarien fährt kommt die Bitte „Bitte bringt‘s was mit diese bulgarischen Würste!“ Eben dieses von den Tataren übernommene „Reiterfleisch“ heißt das auf Deutsch. die Leute sind verrückt nach dem. Oder ein guter Käse „Kashkaval“ oder ein guter „Sirenne“ – der Schafkäse.
Dann bleiben noch der Wein und die Trauben. Bulgarien und Österreich sind zwei große Weinnationen nur außerhalb von diesen beiden Ländern weiß das außerhalb fast niemand.
- Der bulgarische Mavrud ist einer meiner Lieblingsweine. Es werden mehr Weine aus Bulgarien kommen als umgekehrt. Die bulgarischen Weiner sind schwerer.
Da ist zum Beispiel der Wein aus Melnik. Wo manche sagen, dass sind so diese antiken griechischen Sorten, die man verdünnen muss und die unbedingt atmen müssen. In Bulgarien schon habe ich gesehen wie man diesen Wein extra in den Eiskasten stellt um ihn dann eiskalt zu konsumieren.
- Soll es geben! Aber ich habe auch in Italien erlebt, dass man mir zum Valpolicella einen Eiskübel bringt.
Gibt es etwas zwischen dem Kärntnerischen und dem Bulgarischen etwas was sich besonders gut verträgt?
- Die Sturheit. Der Kärntner Dialekt ist einer der schönsten in Österreich. Neun Jahre hintereinander ausgezeichnet. Und das Bulgarische hat das Gleiche für mich dieses Melodische. Beim Reden ist es so, dass viele die uns zuhören glauben wir streiten. Sie reden viel mir den Händen was die Kärntner auch machen und wir sind gesellige Leut‘ mit denen die wir mögen. Die die wir nicht mögen, da brauchen wir lang bis wir warm werden.
Der Dialekt. In Wien sagt man oft „Dialekt nicht so gut…der Mundl“. Während in Kärnten und in Tirol ist der Dialekt Teil der Identität.
- Bei den Tirolern ist da so „Ich komm aus Tirol und ich bin ein Tiroler selbst wenn ich 30 Jahre in Kärnten lebe“ Bei den Kärntner ist das genauso. Aber in Wien das geht schwer.
Meine Wahlnichte sagt „Ich spreche Österreichisch“, aber sie klingt schon sehr deutsch.
- Wir haben im Sommer viele Praktikanten und wenn die kommen und hier arbeiten, die sprechen kein Kärntnerisch mit dir. In Klagenfurt geborene oder in Wolfsberg, die sprechen dieses Studentendeutsch. Ich glaube, dass der Dialekt wegfallen wird. Es wird sich was ändern.
Gibt es so lustige Geschichten vom Markt, dass zum Beispiel jemand kommt und eine halbe Paprika kaufen will?
- Da hatten wir eine Kundin die hat unseren unbehandelten Rucola gesehen und gesagt warum hat der Löcher? Da haben wir gesagt, das ist spezieller Rucola die Löcher sind da damit die Marinade besser einzieht. „Dann her damit“ hat sie gesagt.
Svetlana Zheleva
Dessislaw Pajakoff
